Von der Krisen- zur Zukunftsbewältigung

AMS-Leiter Manfred Dag über die Aussichten am Arbeitsmarkt
für den Bezirk Kitzbühel.

Als letztes Jahr die Pandemie über uns hereinbrach, bescherte sie uns die schwerste Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg – noch nie waren so viele Menschen ohne Beschäftigung oder in Kurzarbeit. Jetzt, ein Jahr später, wirken sich die Öffnungsschritte im Mai positiv auf die Arbeitsmarktdaten aus. „Nicht alle Tourismusbetriebe öffnen jedoch sofort, ein Teil wird im Laufe des Juni in die Sommersaison starten“, so Manfred Dag, Leiter des AMS in Kitzbühel. Die Sommersaison im Vorjahr war viel besser als befürchtet. „Wir hoffen, dass das auch heuer wieder so sein wird“.
In früheren Wirtschaftskrisen, wie zum Beispiel der Finanzkrise 2009, hatte der Tourismus im Bezirk immer einen stabilisierenden Effekt und trug dazu bei, dass sich jene bei uns in der Region nicht so stark auswirkten. Von der aktuellen Krise sind jedoch alle Tourismusregionen und damit auch der Bezirk Kitzbühel besonders stark betroffen. Und der Ausfall der Wintersaison hat sich auch auf andere Branchen stark ausgewirkt, wie zum Beispiel die Lebensmittelproduktion, den Handel, Reisebüros, Schischulen, Bergbahnen, aber auch auf Verkehr und Transportwesen. „Wieder einmal zeigt sich, wie viele Arbeitsplätze bei uns vom Tourismus direkt und indirekt abhängen.“


Finanzielle und psychische Belastungen

Die meisten Tourismusbetriebe waren seit Mitte Oktober durchgehend geschlossen. Die ArbeitnehmerInnen waren seither entweder arbeitslos oder in Kurzarbeit. Je länger die Krise dauerte, umso mehr spürten und spüren die Betroffenen die finanziellen Einbußen. Das Arbeitslosengeld ist deutlich niedriger als der Lohn und speziell in den Dienstleistungsberufen fehlen auch die in der Branche üblichen Trinkgelder. In den letzten Monaten stieg auch die Zahl jener, deren Arbeitslosengeldanspruch erschöpft war, und die dadurch auf die Notstandshilfe angewiesen waren. Diese ist normalerweise niedriger als das Arbeitslosengeld, wurde aber vorübergehend vom Nationalrat auf die Höhe des Arbeitslosengeldes angehoben. „Vergessen darf man nicht auf jene, die bereits seit Monaten in Kurzarbeit sind. Auch das ist über einen so langen Zeitraum mit großen finanziellen Einbußen verbunden“.
Mehrmals wurde dem Tourismus eine Öffnung in Aussicht gestellt, letztendlich kam es jedoch zu einem Totalausfall der Wintersaison. Das war für viele auch eine psychische Belastung. „Die Verzweiflung und bei so manchem auch Verärgerung über die Zwangspause war bei den Betroffenen zum Teil groß. Sie wollen ja arbeiten“. schildert Dag seine Erfahrungen mit KundInnen des AMS. Die Ungewissheit der letzten Monate habe vielen stark zugesetzt.

Bei allem Ernst der Lage ist Dag dennoch positiv gestimmt. „Die Erfahrung aus dem letzten Sommer hat gezeigt: Wenn die Betriebe wieder öffnen dürfen und die Einreisebestimmungen gelockert werden, kann auch schnell Schwung in die Branche kommen. „Viele wollen nach der langen Zeit an Beschränkungen wieder verreisen, sobald sie das ohne große Einschränkungen wieder machen können“. Alle hoffen, dass die Impfungen den erhofften Effekt bringen werden und zur Normalisierung beitragen.


Ausbildungsschwerpunkt Tourismus

Die Berichte, dass inzwischen viele Tourismusarbeitskräfte in andere Branchen abgewandert sind, kann Dag nicht bestätigen. Abgesehen von Einzelfällen, wird der Großteil der Leute wieder im Tourismus arbeiten. „Die meisten freuen sich, dass es wieder losgeht.“

Das AMS hat mit verschiedenen Bildungseinrichtungen einen gezielten Schwerpunkt für Ausbildungen im Tourismus gesetzt. Es wurden unter anderem Ausbildungen wie Jungsommelier, F & B Management, Vorbereitungskurse auf die Lehrabschlussprüfung für KöchInnen beziehungsweise Restaurantfachleute, Deutschkurse, Fremdsprachen, online Kochkurse und Zusatzausbildungen für Marketing gefördert. „Somit leisteten wir einen Beitrag, um einen Verbleib der Personen im Tourismus zu ermöglichen und die Zeit der Arbeitslosigkeit für Weiterbildung sinnvoll zu nützen“.


Von der Küche in die Werkstatt?

Das AMS akzeptierte alle Einstellzusagen aus jenen Branchen, die behördlich geschlossen waren, das bedeutet, das AMS vermittelte nicht aktiv in andere.
Nicht alle Branchen waren von den Auswirkungen der Corona Pandemie gleich stark betroffen. Es gab auch solche, die einen Anstieg der Beschäftigtenzahlen verzeichneten. Dazu gehörte zum Beispiel der Bau- und das Baunebengewerbe und das Gesundheitswesen. Ein schneller Jobwechsel ist meistens nicht so einfach möglich, da in erster Linie FacharbeiterInnen mit der jeweiligen Ausbildung oder zumindest Praxis und Vorkenntnissen gesucht werden.
Kopfzerbrechen verursacht Dag die Situation bei den Langzeitarbeitslosen. „Die, die schon vor Corona keine Arbeit bekamen, tun sich jetzt noch schwerer.“ Im Sommer startet hier ein neues Förderprogramm, um Langzeitarbeitslosen neue Chancen auf eine Beschäftigung zu ermöglichen.

Viel Potential bei der Digitalisierung

Für Dag hat die Pandemie in vielen Bereichen schonungslos Schwachstellen aufgezeigt. „Hier gilt es, die richtigen Maßnahmen und Schlussfolgerungen für die Zukunft zu setzen. Andererseits hat die Krise auch gezeigt, wie wichtig es ist, auf die eigenen Fähigkeiten und Stärken zu vertrauen und flexibel zu bleiben. Das gelte für ArbeitnehmerInnen, aber auch für Betriebe. Wer sich rasch auf geänderte Situationen einstellen kann, kommt besser durch die Krise“.
Mit der Corona-Joboffensive werden verstärkt Ausbildungen in Zukunftsbereichen, wie in der Pflege, im IT-Bereich, Umwelt und Handwerk und Technik, gefördert.
„Man redet seit vielen Jahren davon, wie wichtig die Digitalisierung ist. Nun ist aus der Notwendigkeit heraus zwar viel passiert, es gibt aber weiterhin viel zu tun.“ Einen Mangel gäbe es, so Dag, auch im IT – Bereich, hier werde man ab Herbst in Tirol neue Ausbildungsmöglichkeiten anbieten“.
Gerade die Coronakrise hat wieder gezeigt, wie wichtig und sinnvoll der Pflegebereich für unsere Gesellschaft ist. Pflegeberufe sind anspruchsvoll, aber durchaus erlernbar. Die Zahl alter, pflegebedürftiger Menschen in Tirol wird in den nächsten Jahren aufgrund der demographischen Entwicklung steigen und mit ihr der Bedarf an qualifiziertem Pflegepersonal. Sehr positiv bewertet Dag, dass mit der Gesundheits- und Krankenpflegeschule in St. Johann nun ein eigener Ausbildungsstandort im Bezirk vorhanden ist, das erleichtert den Zugang zu den Ausbildungen und macht die Pflegeberufe für InteressentInnen attraktiver.
„Aber eigentlich haben wir jetzt doch alle genug vom Krisentalk“, meint Dag. Er sei unterm Strich optimistisch, dass sich die Arbeitsmarktdaten in den nächsten Wochen und Monaten verbessern. „Die Arbeitslosigkeit wird zwar noch eine Zeitlang höher sein als vor der Krise, aber die Differenz sollte geringer als zuletzt sein“, zeigt er sich überzeugt. Man müsse von der akuten Krisenbewältigung in den Modus der Zukunftsbewältigung kommen. So schwer Prognosen derzeit auch sind: Die Chancen, dass wir im Sommer das Schlimmste überstanden haben, stünden gut.

 

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