
Albert Wex über die neue Art, MitarbeiterInnen zu finden; über Vertrauen, Wertschätzung und die richtigen Leute am richtigen Platz.
Recruiting, Human Resources, Onboarding, New Work, … das Personalmanagement kommt nicht mehr ohne Anglizismen aus. Viele Fachbegriffe bekommen ein „New“ vorangestellt, so auch das „New Hiring“. Doch wie neu sind die Vorgehensweisen beim Einstellen neuer MitarbeiterInnen wirklich? „Es hat sich in den Betrieben und am Markt tatsächlich vieles verändert“, bestätigt Albert Wex, selbständiger Personalberater bei „aristid“, einer österreichischen Personalberatungsfirma mit Sitz in Wien. Schon vor der Pandemie hätten sich massive Veränderungen angebahnt, Corona habe die Prozesse massiv beschleunigt. „Die Digitalisierung hat einen großen Sprung nach vorne gemacht, viele Firmen bewegen sich in einem veränderten Umfeld. Betriebe müsse heute teilweise neue Geschäftsmodelle verfolgen, die Gastronomie zum Beispiel einen Lieferservice anbieten. Unternehmen müssen schnell auf neue Anforderungen reagieren, Prozesse umstellen, innovative Ideen umsetzen. Dazu braucht es Strategien, gute Ideen und – gute Leute.“
Inzwischen sei es sehr viel schwieriger als früher, neue MitarbeiterInnen zu finden. „Vor gut zehn Jahren hat man noch ein Stelleninserat in der Zeitung platziert, die interessantesten BewerberInnen zum Gespräch eingeladen und sich dann die Besten ausgesucht. Jetzt muss sich der Betrieb quasi bei den potentiellen MitarbeiterInnen bewerben und sich schmücken wie eine Braut.“ „Employer Branding“ heißt das – der Arbeitgeber muss möglichst attraktiv für ArbeitnehmerInnen sein – das Unternehmen muss sich bei den Talenten bewerben und nicht umgekehrt.
Nicht auf der Straße, sondern im Netz
Die Mitarbeitersuche ist mit einem Inserat längst nicht mehr getan, es braucht neue Konzepte. In mittleren und größeren Firmen entwickelt jene nicht der Chef/die Chefin oder die Personalabteilung, sondern man bedient sich der Unterstützung durch eine/n Personalberater/Personalberaterin. Die digitale Suche nach neuen Teammitgliedern ist inzwischen immer wichtiger geworden – genauso wie das aktive Zugehen auf potentielle KandidatInnen, die von Algorithmen im Netz aufgespürt werden. Nur ein Bruchteil von ihnen ist am Arbeitsmarkt frei verfügbar, der Großteil beschäftigt. „Viele dieser potentiellen neuen MitarbeiterInnen haben gar nicht die Absicht, sich beruflich zu verändern. Wenn sie aber direkt angesprochen werden, ergeben sich neue Chancen.“ MitarbeiterInnen von Marktbegleitern abwerben – das hat es immer schon gegeben. Doch nun steckt ein Algorithmus dahinter – und PersonalberaterInnen, die die Anonymität wahren. „Leute findet man nicht mehr auf der Straße, sondern im Netz.“
Der Mensch – eine Konstante
Worauf man jedoch – bei aller Digitalisierung – bei der Suche nach neuen MitarbeiterInnen nicht vergessen darf, so Albert Wex, ist der Mensch. Der Mensch sei nämlich „nicht neu“. MitarbeiterInnen hätten heute zwar andere Wünsche und Bedürfnisse als die ArbeitnehmerInnen vor ihnen, aber sie passen auch heute noch nicht in jedes Team. „Der Lebenslauf ist das eine, die Persönlichkeit das andere. Nicht jede(r) ist in jedem Unternehmen gut aufgehoben“, so Wex. Die Kunst in der Personalberatung sei, sich mit den KandidatInnen genauso intensiv zu beschäftigen wie mit dem Unternehmen selbst, um Übereinstimmungen zu finden und zu erkennen.
Auf individuelle Wünsche und Bedürfnisse haben Unternehmen heute einzugehen, sonst wendet sich der Kandidat/die Kandidatin an den Mitbewerber. „Bei Arbeitsplatzbedingungen, Arbeitszeiten und -orten müssen Unternehmen zeitgemäße Lösungen anbieten. Die Bereitschaft seitens des Arbeitgebers für das Homeoffice ist heute vielfach kein „Nice-to-have“ mehr, sondern ein „Need-to-have“. Die älteren Generationen an Chefs und Chefinnen müssen sich umstellen und ihren Teams vertrauen. Was zählt, ist alleine der Output – das Ergebnis.
Apropos: Albert Wex berichtet von einem wachsenden Trend in den USA, wo inzwischen ca. 8 % der Unternehmen den ArbeitnehmerInnen bezahlten unbegrenzten Urlaub bieten – also so viel Urlaub, wie sie haben wollen. Vorgabe: Die übertragene Arbeit muss erledigt werden, das Ergebnis muss stimmen. Der überraschende Effekt: Die meisten nehmen weniger Urlaub als zuvor. „Das geht alles in dieselbe Richtung. Freiheiten machen den Mitarbeiter/die Mitarbeiterin zufrieden und motiviert, Einschränkungen und Überwachungen machen destruktiv. Wer sein Team wertschätzt und ihm vertraut, bekommt viel zurück.“
Doris Martinz