
Vom Fließband- zum Wissensarbeiter – Beatrix Mitterweissacher über neue Herausforderungen für Arbeitgeber.
Corona hat ein Thema in den Vordergrund gerückt, das man bei uns hauptsächlich mit „Home-Office“ in Verbindung bringt: „New Work“. Dabei ist das „neue Arbeiten“ viel mehr als daheim arbeiten: es ist eine Kultur, eine Philosophie. Eine, mit der sich Beatrix Mitterweissacher intensiv auseinandersetzt. Viele kennen sie als Obfrau des Literaturvereins St. Johann. Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Juristin beruflich mit HR-Themen und hat sich im Rahmen eines postgradualen Studiums auf „New Work“ spezialisiert. Aktuell ist sie in Gründung ihres Unternehmens. Ab November wird sie als „New Work Beraterin“ Personalabteilungen dabei unterstützen, ihre Unternehmen zukunftsfit zu machen und die Philosophie des Neuen Arbeitens umzusetzen. Um die Thematik besser zu erschließen, ein kurzer Blick zurück:
Vor zirka 200 Jahren begann in Europa die Industrialisierung. Seitdem wurden Abläufe in Fabriken immer weiter optimiert, MitarbeiterInnen spezialisierten sich auf einzelne Arbeitsschritte. Das ging bis zur Perfektion, man sparte Zeit und Kosten, arbeitete gewinnoptimiert. Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung jedoch verändern die Abläufe in den Firmen, man braucht jetzt weniger schlecht qualifiziertes Personal. Denn Arbeiten, die wenig bis keine Qualifikation erfordern, übernehmen Maschinen und Roboter. Getrieben von Innovationen, Forschung und Entwicklung, verlangt der Arbeitsmarkt nach „WissensarbeiterInnen“: Jemand, der vor fünfzig Jahren eine Maschine bediente, musste über weniger Wissen verfügen als ein Facharbeiter, der heute einen hoch entwickelten Automaten steuert. Fachkräfte sind deshalb gefragt. Aber sie sind rar – weil sie eben zum einen über spezifische Qualifikationen verfügen müssen. Zum anderen kommen gerade die geburtenschwachen Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt. Damit spitzt sich die Situation zu, der Arbeitgebermarkt wird zum Arbeitnehmermarkt. Das heißt, es werden mehr Fachkräfte gesucht als am Markt vorhanden sind. Angebot und Nachfrage kommen den ArbeitnehmerInnen zugute, die heute flexibler und mobiler sind als früher und dorthin gehen, wo der Job ist.
„Das bedeutet, dass sich UnternehmerInnen heute überlegen müssen, wie sie für junge Mitarbeiter attraktiv bleiben“, so Beatrix. Die durchschnittliche Verweildauer in Unternehmen im OECD Raum liegt bei 4,7 Jahren – 30 oder 40 Jahre Betriebszugehörigkeit sind nicht mehr die Regel und bei den Jungen auch nicht das Ziel. Sie wechseln, wenn es an Perspektiven mangelt, wenn sie mit der Führungskraft nicht zufrieden sind oder mit der Bezahlung. Hier setzen die „New Work“ Maßnahmen an:
„Corona hat uns das Home-Office geschenkt.“
„Man muss sich die Situation im Unternehmen anschauen“, erläutert Beatrix. Personalabteilungen und Führungskräfte seien zuständig für das Personal. An ihnen liege es, für die ArbeitnehmerInnen ein Umfeld zu schaffen, das ihre Bedürfnisse erfüllt. Die Diskussion um Home-Office gab es seit vielen Jahren, viele Arbeitgeber sträubten sich jedoch dagegen – weil es an der technischen Ausrüstung fehlte oder am Vertrauen in das Team. „Corona hat uns das Home-Office geschenkt“, so Beatrix, „die Pandemie war der Brandbeschleuniger. In den vergangen Monaten musste es einfach funktionieren, eine andere Möglichkeit gab es vielfach nicht. Und siehe da: Es klappte tatsächlich.“ Hundert Prozent Home-Office werde es aber wahrscheinlich nie geben, Hybridformen seien wahrscheinlicher. Jungen Arbeitnehmern werde man das Home-Office schlecht gänzlich verweigern können. „Die verlangen das heute.“
Die Arbeit daheim eröffnet aber auch ArbeitgeberInnen Chancen: Potentielle MitarbeiterInnen, die pendeln, müssen nicht mehr jeden Tag ins Büro. Für sie wird der Job damit attraktiver. Gerade in unserer Region, in der das Wohnen extrem teuer ist, kann das von Vorteil sein.
Flexible Arbeitszeiten
ArbeitgeberInnen müssen sich heute auch von der Vorstellung verabschieden, dass ihre Teams um 7.30 Uhr an den Arbeitsplatz kommen und bis 16.30 Uhr bleiben. Die jungen Beschäftigten verlangen oft nach flexiblen Arbeitszeiten, weil sie ihren Hobbys und Interessen nachgehen wollen. „Da muss das Unternehmen Entgegenkommen zeigen“, sagt Beatrix. Dazu brauche es ein Gesamtpaket, denn Einzelnen gewisse Zugeständnisse zu machen, sei oft nicht möglich.
Was Unternehmen noch tun können und sollten, um attraktiv für die heiß begehrten Fachkräfte zu sein, lest ihr in der nächsten Ausgabe der St. Johanner Zeitung. Beatrix informiert euch dann über das Cafeteria-System, über Erwartungen der Generation Y und Z. Stay tuned 😉 Doris Martinz
Doris Martinz