„Das Denken muss sich ändern.“

Thomas Pointner, Personalleiter bei Egger, über neue Arbeitsmodelle, Frauen in der Führungsebene und mehr.

Ende Juli präsentierte EGGER Holzwerkstoffe in St. Johann bei der Jahrespressekonferenz beeindruckende Zahlen. Das Unternehmen steht auf sicheren Beinen und ist – fast unberührt von Covid-19 – in ständigem Wachstum begriffen. Das bedeutet: EGGER ist und bleibt ein wichtiger und verlässlicher Arbeitgeber in der Region. Das bestätigt auch Personalleiter Thomas Pointner: „EGGER beschäftigt international mehr als 10.000 MitarbeiterInnen, in St. Johann in Tirol sind es immerhin fast 1.100 – in einer Vielzahl von Berufen.“ Pointner selbst ist bei EGGER seit mehr als 22 Jahren im Einsatz – bevor er Personalleiter wurde, in den verschiedensten Positionen.
Gefragt sind Fachkräfte in den unterschiedlichsten Bereichen: von Personen aus der Gastronomie über weitere Quereinsteiger bis hin zu Technik-Fachkräften und IT-Spezialisten. „Gerade im Fachbereich IT setzt EGGER immer in Bezug zur Technik und Produktion beziehungsweise auch Kundenservice eigene Maßstäbe. Durch die wachsende Digitalisierung und Automatisierung stellt die IT einen wesentlichen Eckpfeiler für laufendes Wachstum und Prozessoptimierungen dar.“
Welche Stellen gerade besetzt werden, ist auf der Homepage des Unternehmens nachzulesen. Doch auch Initiativbewerbungen nimmt man gerne entgegen. „Wir suchen immer Leute mit 3-H“, sagt Pointner und erklärt auf meinen fragenden Blick hin: „Mitarbeiter mit Herz, Hirn und Hausverstand.“

Professionelle Personalentwicklung

Mitarbeiter zu bekommen, ist eine Sache, sie zu halten und ans Unternehmen zu binden, eine andere. Eine, die bei ­EGGER gut gelingt. „Der Großteil unserer Belegschaft ist sehr loyal, wir haben Leute, die 40 Jahre und mehr bei uns sind.“ Zufall sei das keiner, so Pointner, denn EGGER betreibe professionelle Personalentwicklung, investiere viel in seine Teams und Führungskräfteentwicklung und biete laufende Fortbildungen und Benefits an.
Mitarbeiterbindung und Teambuilding zählen heute zu den wichtigsten Aufgaben der Führungskräfte. An ihnen liegt es, Potentiale in ihren Gruppen zu erkennen und zu fördern. Und auch, Lösungen für eine ausgewogene „Work-Life-Balance“ zu finden. „Als Arbeitgeber muss man komplett neu denken“, sagt Pointner. Man müsse in einzelnen Fällen abklären, wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer bestmöglich zusammenfinden. Das Problem dabei: „Wenn man bei manchen Mitarbeitern besondere Ausnahmen macht, schafft man bei anderen besondere Bedürfnisse.“ Wie auch immer: „Die 38,5 Stunden in der Woche sind nicht mehr immer State of the Art. Wir befinden uns gerade auf einer Entwicklungsreise.“
Eine Möglichkeit, MitarbeiterInnen entgegenzukommen, ist das Jobsharing. Dabei teilen sich zwei MitarbeiterInnen eine Stelle. „Das muss natürlich ins Team passen und stellt eine Herausforderung dar“, schränkt Pointner ein. Erfolgsmeldungen gibt es bei den Teilzeitführungskräften. „Da begeben wir uns auf neues Terrain. Wie gut das funktioniert, hängt stark von der Führungskraft und dem Entwicklungsgrad des Teams ab“, so Pointner. Dass es klappen kann, beweisen aber gerade zwei Mitarbeiterinnen, die beide in Teilzeit aus der Karenz zurückgekommen sind.

Zwischen Familie und Chefsessel

Weil wir gerade beim Thema Frauen sind: Der Anteil der Frauen in der Führungsebene ist bei EGGER mit neun Prozent noch ausbaufähig. „Ja, wir sind gerade dabei, in diesem Bereich zu optimieren“, erklärt Pointner. Schließlich wisse man um die Qualität von Frauen an der Spitze. Aber es ist gar nicht so einfach, sie dorthin zu bringen. Zum Teil sind es die Frauen selbst, die sich eine Führungsposition nicht zutrauen, nicht an sich selbst glauben. „Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass es noch immer geklappt hat“, so Pointner. Denn Frauen hätten ein gutes Bauchgefühl, sehr gute Kommunikationsfähigkeiten, seien generell extrem gut ausgebildet und selbstorganisiert. „Es gibt keinen Grund, warum sich eine Frau das nicht zutrauen sollte!“ Die Förderung von Frauen in Technik, Produktion und Führung biete riesiges Potential und unternehmerischen Mehrwert, man werde bei EGGER dieses Thema in Zukunft strategisch noch mehr ausarbeiten.

Allerdings hake es dabei auch bei den Rahmenbedingungen in Politik und Gesellschaft – gerade bei uns in Tirol. Während in vielen anderen Staaten, wie zum Beispiel in Frankreich oder in Skandinavien, die Ganztagesschule die Norm ist, hapert es bei uns noch mit der Kinderbetreuung. Und nicht nur das: Mütter, die nach Mutterschutz und Karenz bald wieder in den Beruf zurückkehren, werden in der Gesellschaft zwiespältig gesehen – die toughe Businessfrau bekommt schnell den Stempel als „Rabenmutter“ verpasst. Väter hingegen dürfen arbeiten. Was, wenn auch sie die Kinderbetreuungszeit einfordern? „Wir kommen den gesetzlichen Ansprüchen natürlich nach“, betont Pointner. Was aber, wenn eine männliche Führungskraft beruflich kürzertreten will, um mehr Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen? „Diesen Fall hatten wir noch nicht, aber er wird kommen“, ist sich Pointner bewusst. Es werde auch in dieser Richtung Bewegungsmöglichkeiten brauchen. Pointner sieht aber auch die Politik unter Zugzwang, es brauche entsprechende Rahmenbedingungen. Auch für die Lehrlingsausbildung.

Ausbildung und mehr

Bei der Ausbildung der jungen Leute wünscht man sich bei EGGER verstärkte, kontinuierliche Arbeit seitens der öffentlichen Institutionen. Denn die Lehre ist nach wie vor attraktiv: 90 Prozent der Führungskräfte kommen bei EGGER aus den eigenen Reihen. Auszubildenden bieten sich viele Möglichkeiten der Entwicklung im Fachbereich, man könne aber auch in andere Bereiche wechseln und natürlich in die oberen Führungskräfteebenen aufsteigen, so
Pointner.
Es ist eine selbstbewusste Generation, die in den Startlöchern steht. Welche Erfahrungen hat man bei EGGER mit den Berufseinsteigern gemacht? „Wir bekommen sehr gute Bewerbungen von tollen, interessanten Persönlichkeiten. Man muss sie abholen, begeistern, das macht unser Vollzeitausbilder“, so der Personalleiter. Jener kümmere sich nicht nur um fachliche Belange, sondern stehe den jungen MitarbeiterInnen auch menschlich zur Seite. „Vom ersten Liebeskummer bis zu Schwierigkeiten zuhause kommt da alles daher.“
Interessant sind für EGGER aber nicht nur junge Teammitglieder – froh ist man auch um die älteren, die „Silver Agers“. Im Alter von 50+ gehörte man früher in beruflicher Hinsicht vielleicht zum „alten Eisen“, heute sind viele Menschen in dieser Lebensphase noch körperlich fit und leistungsfähig. Vor allem aber bringen sie viel Erfahrung mit – in fachlicher und sozialer Hinsicht. Ältere und jüngere Arbeitnehmer zusammenzuspannen, sei ein Kulturthema, so Pointner. Eines, von dem alle profitieren können.

Feedback bringt Spaß

Die Arbeitswelt hat sich enorm verändert. Auch in einem verwurzelten Tiroler Unternehmen wie EGGER muss man sich dem Neuen öffnen, um in Zukunft zu bestehen. „Wir durchlaufen gerade viele Entwicklungsprozesse – in den Teams, auf den Führungsebenen und auch in der Personalabteilung selbst“, bestätigt der Wahl-Schwendter. In den HR-Abteilungen (Human Ressources) sind die bestehenden Mitarbeiter immer mehr als Business Partner für die Führungskräfte gefordert, um diese entsprechend zu unterstützen. Früher war man der beste Abteilungschef, wenn man sich fachlich am besten ausgekannt hat. Jetzt sind es vor allem seine/ihre sozialen Kompetenzen, die Teams erfolgreich machen.
Die Patriarchen in der Chefetage sind ausgestorben. Denn die jungen ArbeitnehmerInnen fordern einen völlig anderen Umgang, und die älteren schließen sich an. Das ist anders, aber nicht schlechter. Denn die neue Feedback-Kultur lässt mehr Ideen entstehen und bringt letztendlich mehr Spaß an der Arbeit.
Thomas Pointner hat die Veränderungen bei EGGER selbst miterlebt. Nur eines niemals: Stillstand. Den wird es wohl auch in den nächsten 22 Jahren nicht geben …

Doris Martinz

 

Leave your thoughts