
Auch Steinbacher kämpft mit dem Facharbeitermangel. Personalleiter Christian Foidl darüber, warum das Unternehmen auch am Stammtisch bestehen muss und mehr.
Der Weg zum Eingang des Verwaltungsgebäudes führt durch einen Garten mit Bäumen und Büschen, es geht über eine kleine Brücke, Vögel zwitschern. Schön! Der Empfang an der Rezeption: sehr angenehm und freundlich, die Atmosphäre locker und leger. Der erste Eindruck trügt nicht: „Wir haben bei uns ganz flache Hierarchie, pflegen eine Politik der offenen Türen. Wenn MitarbeiterInnen zu mir kommen wollen, können sie das jederzeit tun und müssen nicht extra einen Termin ausmachen“, sagt Personalleiter Christian Foidl.
Er wird heuer 64 Jahre alt und ist schon seit über 40 Jahren in der Firma beschäftigt, das Thema „Pension“ rückt näher. „Ich fühle mich nicht pensionsreif, aber man muss den Schritt tun und der neuen Generation Raum geben“, sagt er. Sein Motto: „Nur nicht nachlassen.“
Das hat er immer so gehalten. Im Betrieb, aber auch in seiner Heimatgemeinde Waidring, wo er 30 Jahre lang als Gemeinderat und Vizebürgermeister im Einsatz war. Auch deshalb weiß er, wie wichtig starke Unternehmen in der Region sind.
Veränderungen halten jung
Nach Abschluss der Handelsschule wäre für ihn auch der Besuch des Konservatoriums in Innsbruck eine Option gewesen – Foidl spielte Saxophon und Klarinette. Längst aber ist er umgestiegen auf die „Steirische“, „die taugt mir unartig gut“, sagt er lachend. Längst hat er sich auch für einen ganz anderen beruflichen Weg entschieden und sich bei Steinbacher, einem stetig wachsenden Unternehmen, mitentwickelt, hat sich über Jahrzehnte stetig weitergebildet. Er startete seine Karriere als Buchhalter, wuchs in das Computerzeitalter hinein und tauschte sich erst kurz vor unserem Gespräch mit einem Anbieter eines elektronischen Systems aus, das die Automatisierung des Zahlungsverkehrs komplett abbildet. Veränderungen sind das, was er liebt, sie halten ihn jung und motiviert.
Nicht alle MitarbeiterInnen bei Steinbacher sind so lange dabei oder werden der Firma so lange treu bleiben wie Foidl. Aber durchschnittlich sind sie immerhin 17 Jahre dort beschäftigt – eine extrem lange Zeitspanne. „Das hat viel mit der Verlässlichkeit und Stabilität des Arbeitgebers zu tun“, erklärt Foidl. „Steinbacher gibt den Leuten viel Sicherheit“. Für ihn ist es wichtig, dass „sein Unternehmen“ auch am Stammtisch bestehen kann. Wie er das meint, erklärt er: Am Stammtisch werde vieles ab- und ausgesprochen. Nicht alles, was im Gasthaus auf den Tisch komme, sei von Wert, aber es bilde doch eine Meinung ab, die man auf jeden Fall ernst nehmen müsse. Und das tut Foidl. Er hört hin, er schaut hin. Und weiß, dass die interne Kommunikation ein ganz wesentlicher Faktor für den Erfolg eines Unternehmens ist. „Meine Denkweise in der Führung ist eine sehr soziale. Sozialkompetenz ist enorm wichtig, das Familienunternehmen muss noch gelebt und gespürt werden“, so Foidl vehement. Dass auch die Chefleute mittendrin und ansprechbar seien, gehöre dazu. Und das funktioniere ja auch gut. „Man muss mit jedem Mitarbeiter auf Augenhöhe reden, man muss sich von Mensch zu Mensch verständigen, dann gibt es für alles eine Lösung“, weiß Foidl aus seiner Erfahrung.
Ein Gespür für Menschen
Junge MitarbeiterInnen sind heute anders, als er selber es vor 40 Jahren war. „Sie spiegeln den Markt, kommen mit einem ganz anderen Gefühl aus der Schule, oft mit viel mehr Selbstvertrauen“, schildert der Waidringer. Beim Einstellungsgespräch brauche es vor allem Gespür für Menschen – Foidl hat es sich in Jahrzehnten angeeignet. Die Auswahl sei dennoch nie einfach und wird im Team getroffen, gemeinsam mit den jeweiligen AbteilungsleiterInnen und der Personalentwicklerin.
MitarbeiterInnen zu finden, ist auch für Steinbacher nicht leicht. „Der Markt ist komplett leergefegt“, drückt es Foidl aus. Es seien kaum mehr Fachkräfte und auch Anlernkräfte zu bekommen, man müsse immer mehr auf Leasingunternehmen zurückgreifen – die vor allem Anlernkräfte vermitteln. Um die Situation zu verdeutlichen, nennt Foidl einen Vergleich: „Vor 10 Jahren gab es jährlich noch etwa 170 Initiativbewerbungen für einen Industriearbeiterjob, heute sind es jährlich vielleicht noch eine Handvoll.“ Dass junge Leute viel Wert auf eine ausgewogene „Work-Life-Balance“ legen, mache die Sache nicht einfacher. „Wenn man früher gesagt hätte, dass man nur 30 Stunden arbeiten und die restliche Zeit Radfahren will, wäre man laut ausgelacht worden, so Foidl. Aber das sei nun einmal der Wandel, der stattfinde. Steinbacher begegnet ihm mit attraktiven Möglichkeiten für potentielle MitarbeiterInnen. Eines davon ist das Modell „Matura und verkürzte Lehre“. „Hier wollen wir Maturanten einen spannenden Einstieg ins Berufsleben bieten.“
Muss die Automation kommen?
Wer sich zum Beispiel nach Abschluss des Gymnasiums für eine Lehre bei Steinbacher entscheidet, kann sich dort gut entwickeln und Karriere machen. Gemeinsam wird ein Kariere-Plan ausgearbeitet, werden Ausbildungen festgelegt, ein Weg, um das jeweilige Potential auszuschöpfen. Doch die Nachfrage nach Lehrstellen sink – wie die allgemeine. „Wenn das weiter so geht, dass wir keine Leute mehr bekommen, dann muss der Digitalisierungsprozess, dann muss die Automation in der Produktion kommen“, räumt Foidl ein.
Es gebe genug Unternehmen, in denen hochautomatisiert mit geringem Personalbedarf gearbeitet wird. „Dann fallen aber viele am Arbeitsmarkt durch, weil es im digitalisierten Bereich ein gewisses Bildungsniveau braucht.“ Es ist ihm anzusehen: Alles in Foidl strebt sich gegen eine solche Vorstellung. Aber wenn man als Unternehmen keine MitarbeiterInnen mehr findet, dann muss es andere Lösungen geben. Foidl zitiert Karl Valentin: „Früher war die Zukunft auch besser.“ Er lacht und meint, da stecke bei aller Komik doch auch viel Wahrheit drin.
Steinbacher sucht laufend Lehrlinge, die sich im Unternehmen entsprechend ihren Talenten und Neigungen entwickeln können: Elektrotechniker, Betriebslogistiker, Kunststofftechniker, Bürokaufleute und Maschinenbautechniker. Auszubildende durchlaufen eine umfassende Ausbildung, für die Steinbacher mehrfach mit Titeln bedacht wurde – unter anderem auch mit jenem des „staatlich ausgezeichneten Lehrbetriebs“. „Das hängt auch damit zusammen, dass wir eine sehr gute Lehrlingsausbilderin haben, die sich sehr gut um die Jungen kümmert“, weiß Foidl. Natürlich werde auch Lehre mit Matura sehr gerne angeboten.
„Es wird der Tag kommen, an dem der ausgebildete Lehrling, der Professionist, der fertig ist, mehr verdient als der Akademiker“, ist sich Foidl gewiss. Das regle sich durch Angebot und Nachfrage. Vielleicht ist der Tag gar nicht mehr so fern.
Lehre für Erwachsene
Gute Erfahrungen habe man auch mit einer Lehre für ältere Mitarbeiter gemacht, so Foidl. Er nennt als Beispiel einen Dreißigjährigen, der zuerst als Anlernkraft in der Produktion arbeitete und dann die Lehre zum Maschinenbautechniker absolvierte. „So jemand darf natürlich nicht in ein wirtschaftliches Loch fallen und kann mit der Lehrlingsentschädigung nicht auskommen. Er oder sie erhält die unterste Kollektivvertrag-Entlohnung, die bei uns sehr gut ist. Nach drei Jahren steigt man dann aber als Professionist entsprechend hoch ein und ist als Fachkraft sehr gefragt.“
Foidl wünscht sich auch mehr Frauen in technischen Berufen. „Das funktioniert sehr gut, nur ist die Nachfrage leider schwach.“
Die vergangenen Monate habe man bei Steinbacher sehr erfolgreich gemeistert, berichtet Foidl. Die Rohstoffbeschaffung habe man gut im Griff, man könne die Kunden wie vereinbart beliefern. Auch die Pandemie habe man gut und mit wenigen Erkrankungen unter den MitarbeiterInnen überstanden. Man habe sogar einiges an Positivem mitnehmen können: Prozessveränderungen, Effizienzsteigerungen bei der internen Kommunikation. Obwohl mittlerweile wieder alle im Haus arbeiten, gibt es noch zweimal wöchentlich ein Videomeeting. „Eine Gewohnheit, die nützlich ist“, beschreibt sie Foidl.
Dank der eigenen Impfstraße bei Steinbacher konnten viele Teams bereits immunisiert werden. Zirka 70% der insgesamt 300 MitarbeiterInnen am Standort sind inzwischen genesen und geimpft. Der Umgang mit der Pandemie ist aber nach wie vor ein sehr umsichtiger. „Es gilt die Sorgfaltspflicht“, sagt Foidl. Bleibt zu hoffen, dass es auch in Zukunft genug Menschen gibt, die Unternehmen schätzen, die sich ihrer bewusst sind. Die sich in und mit regionalen Unternehmen entwickeln wollen. Und ihren Arbeitsplatz nicht Robotern überlassen.
Doris Martinz